„Fett
in der Friteuse entzündete sich
selbst: Koch erleidet schwerste
Verbrennungen.“
„Dreijährige
wollte nachgucken, ob das Essen
schon fertig ist – mit Verbrühungen
auf der Intensivstation.“
„Beim
Versuch, Kupfer zu stehlen, geriet
der Dieb an Starkstrom führendes
Kabel.“
„Wasser
in der Mikrowelle überhitzt –
beim Öffnen des Geräts ins Gesicht
gespritzt.“
Die Schlagzeilen
zeigen es: Nicht immer sind es Wohnungsbrände
und Verkehrsunfälle, die zu „thermischen
Verletzungen“ führen. Schon
deshalb gehen die Zahlen über die
Häufigkeit von Verbrennungen und
Verbrühungen (durch heiße Flüssigkeiten
hervorgerufene Verletzungen) weit
auseinander. 700.000 Menschen sollen
es jedes Jahr in Deutschland sein,
so die Selbsthilfegruppe Cicatrix
e.V.. Die Gesellschaft
für Verbrennungsmedizin spricht
dagegen von 20.000 Betroffenen.
Fest steht: 4.000 Menschen werden
deswegen stationär behandelt, 1.200
davon auf einer Intensivstation.
Schweregrad
und Prognose
Die Haut wird ab einer
Temperatur von etwa 50 °C geschädigt.
Die Schwere der Verletzung hängt
unter anderem vom Grad
der Verbrennung ab, der angibt,
bis in welche Schicht die Schädigung
reicht.
Für die Prognose
ist aber auch der Anteil der betroffenen
Körperoberfläche wichtig. Dieser
kann an Hand der Neunerregel
nach Wallace abgeschätzt werden:
Wichtig für
die Prognose ist auch die Frage,
ob Gesicht, Extremitäten und Genitalregion
betroffen sind. Häufig liegen auch
Begleitverletzungen vor, welche
die Prognose ebenfalls verschlechtern
können. Die häufigste davon ist
das Trauma durch Inhalation von
Rauchgasen und anderen Giften.
Zusammengefasst
wird die Überlebenswahrscheinlichkeit
im so genannten ABSI-Score
(Abbreviated burn severity index):
-
Geschlecht:
männlich 1 Punkt, weiblich 0
Punkte
-
Inhalationstrauma:
1 Punkt
-
Verbrennungen
3. Grades: 1 Punkt
-
Anteil
der verbrannten Körperoberfläche:
1–10% 1 Punkt, 11–20%
2 Punkte, 21-30% 3 Punkte bis
schließlich 10 Punkte bei 91–100%
-
Alter:
0–20: 1 Punkt, 21–40:
2 Punkte, 41–60: 3 Punkte,
61–80: 4 Punkte, 81–100:
5 Punkte
-
Allgemeine
schwere Erkrankungen: je 1 Punkt
Die Bewertung
erfolgt entsprechend der Summe der
Punkte:
|
Summe
der Punkte
|
Lebensbedrohung
|
Überlebens-wahrscheinlichkeit
|
|
2-3
|
sehr
gering
|
99%
|
|
4-5
|
wenig
|
95%
|
|
6-7
|
wenig
bedrohlich
|
|
|
8-9
|
ernst
|
80-90%
|
|
10-11
|
bedrohlich
|
50-70%
|
|
11-13
|
0-10%
|
maximal
hoch
|
Erstmaßnahmen
nach einer Verbrennung
In den ersten Minuten nach
einer Verbrennung, bis zum Eintreffen
des Notarztes, sollte die Wunde
mit fließendem Wasser bei ca. 20°C
gekühlt werden. Dies dient vor allem
der Schmerzlinderung. Bei großflächigen
Verbrennungen (>30 Prozent VKOF
= verbrannte Körperoberfläche) sollte
dies jedoch unterbleiben, da die
Gefahr der Auskühlung besteht. Auch
bei Kindern sollte der Ersthelfer
diese Gefahr im Auge behalten. „Der
Eigenschutz darf dabei nicht vergessen
werden“ - darauf weist Dr.
Johannes Rubenbauer vom Zentrum
für Schwerbrandverletzte des Krankenhauses
München-Bogenhausen hin.
Der Notarzt
ergreift bei Verbrennungspatienten
folgende Maßnahmen:
-
Legen
von periphervenösen Zugängenbei
>20% VKOF bei Erwachsenen
und >10% bei Kindern, um
den Volumenmangel ausgleichen
zu können (diese erfolgt nach
der Formel 4 ml / kgKG / % VKOF
/ 24h).
-
Intubation
nicht prophylaktisch, sondern
nur bei schweren Begleitverletzungen,
schwerem Schock, Vigilanz <8
Punkte im GCS sowie bei Verbrennungen
>40% VKOF in Verbindung mit
Gesichtstrauma, Dyspnoe und
Inhalationstrauma.
-
Schmerztherapie
bei Verbrennungen ersten und
zweiten Grades (diese sind schmerzhafter
als schwerere) mit Ketamin oder
Opioiden.
-
Wundversorgung:steriles
Verbinden der verbrannten Oberfläche
mit nicht auskühlenden Verbänden.
Verlegung
in Zentren für Schwerbrandverletzte
Die Entscheidung darüber,
ob der Patient (sofort) in ein Zentrum
für Schwerbrandverletzte verlegt
wird, richtet sich nach dessen Allgemeinzustand
(kardiopulmonal instabile Patienten
sollten zunächst im nächstgelegenen
Krankenhaus stabilisiert werden)
sowie nach der Schwere der Verletzung.
In der Regel
ist die Verlegung indiziert bei
Verbrennungen zweiten bis dritten
Grades am Gesicht, im Genitalbereich,
an Händen, Füßen, Perineum und größeren
Gelenken sowie bei zweit- bis drittgradigen
Verbrennungen, die mehr als 20 Prozent
(Kinder und Patienten über 50: 10
Prozent) oder bei drittgradigen,
die mehr als 10 Prozent der Körperoberfläche
betreffen.
Inhalationstrauma,
elektrische und chemische Schädigungen
und Begleitverletzungen sind ebenfalls
Indikationen für die Verlegung.
Insgesamt stehen deutschlandweit
mehr als 120 Spezialbetten für Schwerverbrannte
zur Verfügung, darunter solche auf
Intensivstationen und für Kinder.
Die Verteilung wird zentral durch
die Verbrennungszentrale bei der
Berufsfeuerwehr Hamburg koordiniert
(Tel. 040/42851-3998).
Die Ausstattung
eines Brandverletztenzentrums ist
in einer Leitlinie
der Deutschen Gesellschaft für Verbrennungsmedizin
e. V. beschrieben. Der Schockraum
für Schwerbrandverletzte ist bei
Aufnahme mit 4-5 Fachkräften besetzt,
je einem Aufnahmearzt und Anästhesisten
sowie den entsprechenden Pflegekräften.
Neben der intensivmedizinischen
Behandlung und dem Monitoring gehört
zu deren Aufgaben auch das Anlegen
von Entlastungsschnitten (Escharotomie)
bei höhergradigen Verbrennungen,
um ein späteres Einschnüren, Durchblutungsstörungen
und funktionelle Einschränkungen
zu vermeiden.
Salben,
biosynthetische Verbandsstoffe,
Hydrotherapie
Die meisten Verbrennungen
bis zum zweiten Grad können konservativ
behandelt werden. Die Wunde wird
dabei mit einer Salbe versorgt,
die antiseptisch wirkt und das Antrocknen
des Verbandes verhindert. Dafür
kommen Silbersulfadiazinsalbe, Iodophore
oder Polyhexanidsalbe in Frage,
darüber steriler Verbandsmull –
aber nicht zirkulär um die Extremitäten.
Einzelheiten sind in einem Übersichtsartikel
der Zeitschrift „hautnah dermatologie“
nachzulesen.
Ferner stehen
die biosynthetischen Verbandsstoffe
Biobrane® und Suprathel® zur Verfügung,
letzteres auf der Basis von Polymilchsäure,
die nach Aufbringen auf die Wunde
durchsichtig wird. Das erleichtert
die Beurteilung des Heilungsfortschritts.
„Diese Materialien haben die
Patientenversorgung deutlich verbessert“,
sagt der plastische Chirurg Dr.
med. Johannes Rubenbauer.
Die Hydrotherapie
ist dabei ein integraler Bestandteil
bei jedem Verbandswechsel und erfolgt
in der Regel täglich. Sie kann als
Vollbad im Badezimmer oder als Reinigungsduschbad
auf der Duschliege erfolgen, auch
im Erstversorgungsraum. Teilbäder
der Extremitäten erfolgen normalerweise
im Patientenzimmer. Die Ziele der
Hydrotherapie sind:
-
Beschleunigte
Wundheilung
-
Weniger
Schmerzen beim Verbandwechsel
-
Gesteigertes
Wohlbefinden und Körperbewusstsein
des Patienten
-
Unterwasser-Bewegungstherapie.
Richtige
Lagerung
Besondere Bedeutung kommt
der richtigen Lagerung der Patienten
zu. Ziel ist eine optimale Sekretdrainage
und rasche Wundheilung. Neben Schaumstoffbetten
besteht je nach dem Zustand des
Patienten die Möglichkeit, Luftkissenbetten
und Rotationsbetten zu verwenden.
So genannte Mikroglaskugelbetten
(„Sandbetten“) ermöglichen
einen guten Sekretabfluss, können
jedoch respiratorische Probleme
zur Folge haben. Detaillierte Informationen
zur Pflege von Schwerbrandverletzten,
auch hinsichtlich der Ernährung,
finden Sie hier.
Operationen
bzw. Transplantationen
Tiefe Wunden müssen zwei
bis drei Tage nach der Verbrennung
plastisch-chirurgisch versorgt werden.
Dazu wird zunächst die nekrotische
Haut entfernt bis ein vitaler Wundgrund
vorhanden ist. Neben der Dermabrasio
und dem tangentialen Abtragen steht
seit einiger Zeit die Möglichkeit
einer Entfernung mit einem Hochdruckstrahl
steriler Kochsalzlösung zur Verfügung,
dem Versajet®
der Firma Smith & Nephew. „Aus
Sicht der Patienten eine deutliche
Verbesserung“, sagt Petra
Krause-Wloch vom Bundesverband
für Brandverletzte e.V..
Die eigentliche
Behandlung geschieht bei Verbrennungen
dritten Grades durch das Aufbringen
von Spalthaut, die während der Operation
gewonnen und enzymatisch aufgelöst
wird. Näheres zu diesem Verfahren
der Eigenhauttransplantation siehe hier.
Tiefe Verbrennungen
zweiten Grades werden mit Spenderkeratinozyten
behandelt, die in Kultur vermehrt
werden. „Wir halten diese
Transplantate in einer Hautbank
tiefgefroren vor“, sagt Dr.
Johannes Rubenbauer. Nur wenn die
Transplantation von Spalthaut oder
gezüchteten Zellen nicht in Frage
kommt (etwa wenn in großflächigen
Arealen Nervenendigungen frei liegen),
wird die Wunde mit lokalen oder
frei transferierten Lappenplastiken
bedeckt.
Behandlung
von Narben
Die Behandlung der Narben
erfordert große Sorgfalt, um spätere
Entstellungen so gut wie möglich
zu verhindern. Da die Talgdrüsen
häufig zerstört sind, sind die Anwendung
von rückfettenden Ölen und Narbenmassagen
wichtig. Diese können auch durch
Unterdruck erfolgen, wie eine prospektive Studie
am Verbrennungszentrum Offenbach
gezeigt hat.
Gerade die
Narben von Brandwunden brauchen
lange zur Reifung (bis zu 24 Monate)
und neigen in dieser Zeit zu übermäßigem
Wachstum. Dies kann durch das Tragen
individuell angepasster Kompressionskleidung
verhindert werden. Kinder sind besonders
schwer davon zu überzeugen, dass
sich diese Unbequemlichkeit später
auszahlt.
Psychologische
Betreuung
Die psychische Belastung
nach einer Verbrennung kann sehr
groß sein. Der Verletzte steckt
nicht mehr „in seiner Haut“
und wird in der Regel nie wieder
so aussehen wie vor dem auslösenden
Ereignis. Depressionen und Schuldgefühle
sind häufig. Etwa in jedem zehnten
Fall hat darüber hinaus ein Suizidversuch
zur Brandverletzung geführt. Eine
psychologische Betreuung gehört
deshalb unbedingt zur Rehabilitation.
Die körperliche
Mobilisation sollte so rasch wie
möglich beginnen. Ihr Ziel ist es,
funktionelle Einschränkungen so
bald wie möglich zu überwinden.
Eine Leitlinie
der Gesellschaft für Verbrennungsmedizin
e. V. beschäftigt sich eigens
mit dem Thema der Rehabilitation.
„Wir sind erleichtert, dass
durch diese Leitlinie verbindliche
Grundlagen geschaffen wurden, auch
was die Kostenübernahme angeht“,
sagt Petra Krause-Wloch vom Bundesverband
für Brandverletzte e. V. Zu den
Aufgaben der Rehabilitation gehört
auch die Wiedereingliederung ins
soziale Umfeld und – möglichst
- ins Arbeitsleben.